Vergessene Themen

Johanneskapelle - Missionsgemeinde Hl. Johannes XXIII.: Vergessene Themen

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Es gibt so etwas wie vergessene Themen, was die Kirchen angeht ...

Das spezifisch Christliche

Nun! Das eigentlich Zentrale unseres Glaubens, quasi seine Seele ist nichts anderes als das spezifisch Christliche. Liturgie, Lehre und Disziplin der Kirche sind davon geprägt und durchdrungen – im Idealfall (ist gemeint).

Das spezifisch Christliche also ist die Seele der Kirche. Das muss auch so bleiben in einer Welt, die sich ständig verändert. Eine Welt, in der viel geredet und zerredet wird und wo viele Menschen nach wie vor nach Orientierung und Halt Ausschau halten. Das Christentum unterscheidet sich bekanntlich von anderen Religionen und Lebensphilosophien. Und zwar folgendermaßen.

Schaut man das Christentum näher an, so ist die Grundlage nicht einfach nur irgend eine besondere Idee, ein Prinzip, ein Grundsatz, eine Grundhaltung, sondern es ist, einfach und schlicht präzisiert, eine PERSON, um die es geht: nämlich um JESUS CHRISTUS selbst.

Und diese Tatsache bedeutet eine Herausforderung und eine Anfrage an jede einzelne christliche Kirche:

Haben wir diesen Jesus nicht allzu sehr vereinnahmt im kirchlichen System, in unserer Lehre, in unseren Dogmen, in unserem Kirchenrecht?

Die Figur des Großinquisitors bei Dostojewski steht nach wie vor als warnendes Beispiel der Pervertierung des Christentums da und fordert zum Nachdenken auf.

Heute erscheint Jesus sehr oft als nichts anderes als eine Art Ehrenpräsident oder noch salopper gesagt wie die Bronzefigur eines Vereinsgründers, die im Sitzungssaal der so Führungsriege steht und stumm an ihn erinnert.

Wenn es keinen Marxismus ohne Karl Marx gibt, dann kann es in ganz anderer Weise kein Christentum ohne Jesus Christus geben! Daher: die Kirchen müssen fraglos bei dem bleiben, wofür Jesus Christus steht! Sonst sind sie nicht mehr die Kirche Christi, sondern ein irgendein ehrenwerter Club, der vielleicht nur noch einen Punkt hat, den so genannten Humanismus.

Es stellen sich also Fragen nach dem, was spezifisch christlich ist, was es bedeutet, Christ zu sein, wie man Christ, Kirche und Christentum definieren könnte. Und zwar so, dass Leben in dieser Definition zu finden ist! Denn aus dem Leben folgt der Glaube.

Was also ist christlich?

Christlich ist nicht alles, was wahr, gut und schön ist. Wahrheit, Güte und Schönheit gibt es auch außerhalb des Christentums. Christlich jedoch dürfen wir alles nennen, was einen ausdrücklichen Bezug zu diesem Christus hat.

Wer ist nun ein Christ?

Christ ist nicht jeder Mensch ehrlichen Glaubens und guten Willens. Solchen Glauben und Willen haben auch Nichtchristen. Christ jedoch darf ein Mensch genannt werden, für dessen Leben und Sterben dieser Christus das letztlich Entscheidende bedeutet.

Und was ist nun die christliche Kirche?

Christliche Kirche ist nicht jede Gruppe gut meinender Menschen, die zu ihrem Heil um einanständiges Leben sich bemühen. Anständiges Leben und Heil kann es auch in Gruppen außerhalb der Kirche geben, weil Gott größer ist als die Kirche.

Christliche Kirche kann also jede Gemeinschaft von Menschen genannt werden, für die dieser Christus letztlich ausschlaggebend ist.

Wo finden wir dann das Christentum?

Christentum ist nicht überall dort, wo man Humanität verwirklicht. Humanität wird auch außerhalb des Christentums verwirklicht: unter Juden, Moselm, Hinduisten und Buddhisten, unter säkularen Humanisten und sogar ausgesprochenen Atheisten. Christentum ist nur dort, wo die Erinnerung an diesen Jesus Christus immer wieder aktiviert wird.

Nach diesen wie ich denke gut nachvollziehbaren Definitionen sind wir jedoch bei einer sehr schwierigen FRAGE angekommen:

Welcher Christus ist hier nun gemeint?

Eine Annäherung an Jesus von Nazareth

Welcher Christus gemeint ist, darüber machen wir Christen uns, glaube ich, zu wenig Gedanken. Es genügt nach Jesus eben nicht, einfach nur „Herr“, „Herr“ oder „Jesus“, „Jesus“ zu sagen oder zu singen. Es genügt auch nicht, das Neue Testament wörtlich zu zitieren. Kommt doch alles darauf an, wie man die einzelnen Sätze versteht und ins Ganze einordnet.

Welcher Jesus ist also für die Kirche entscheidend? Eines ist klar: auf jeden Fall nicht der Jesus unserer Träume, irgendein erträumter Jesus. Sondern: der wirkliche Jesus. Und der wirkliche Jesus ist niemand anders als dieser Jesus von Nazareth, der in dieser unserer Geschichte tatsächlich gelebt hat: der geschichtliche Jesus.

Die letzten 200 Jahre intensiver neutestamentlicher Forschung haben unzähliges Material zu Tage gebracht, trotzdem jedoch nicht genug, um eine dezitierte Jesus-Biographie zu schreiben, wohl aber, ihn in Umrissen klar und unverwechselbar sehen zu können.

Wofür tritt Jesus von Nazareth ein? Was wollte er?

Seine Botschaft war nicht so kompliziert wie unsere theologischen Fachbücher. Er verkündigte das kommende Gottesreich, d.h. daß Gottes Sache sich durchsetzen wird und dass folglich die Zukunft Gott gehört. Und im Hinblick auf dieses kommende Reich predigte er nur eine oberste Norm für das Handeln des Menschen. Nicht irgendein Gesetz oder Dogma oder eine Paragraphensammlung.

Die oberste Norm für ihn ist: der Wille Gottes. Sein Wille geschehe!

Das hört sich ganz fromm an. Aber was ist dieser Wille Gottes? Er ist nicht einfach nur identisch mit einem bestimmten Gesetz, einem Dogma oder einer Regel. Aus allem, was Jesus sagt und tut, wird klar:

der Wille Gottes ist nichts anderes als das Wohl der Menschen.

Eine ebenso erstaunliche wie letztlich konsequenzreiche Gleichsetzung!

  • Deshalb schreckt Jesus, der im Ganzen durchaus gesetzesorientiert lebt, im Einzelfall auch vor gesetzeswidrigem Verhalten nicht zurück.
    Er zeigt keinen Sinn für rituelle Korrektheit: Reinheit vor Gott schenkt nur die Reinheit des Herzens.
    Keinen Fastenasketismus: Fresser und Säufer ließ er sich schimpfen. Keine Sabbatängstlichkeit: der Mensch ist Maß des Sabbats und des Gesetzes.
  • Deshalb relativiert er faktisch in skandalöser Weise geheiligte Traditionen und Institutionen:
    Er relativiert das Gesetz, denn die Gebote sind um der Menschen willen da. Er relativiert den Tempel und die Liturgie: Versöhnung und alltäglicher Dienst kommen vor der Feier der Liturgie.
  • Deshalb tritt er für die Liebe ein, die den Menschen zugleich fromm und vernünftig sein lässt, die sich aber darin bewährt, dass sie niemanden, auch nicht den Gegner, ausschließt, dass sie letztlich bis zum letzten Einsatz und Verzicht bereit ist. Veränderung der Gesellschaft durch radikale Veränderung des Einzelnen.
  • Deshalb solidarisiert er sich zum Ärger der Frommen mit allen Armen und Ausgegrenzten:  den so genannten Herätikern und Schismatikern (Samaritaner), den Unmoralischen (Dirnen und Ehebrecher), den politisch Kompromittierten (Zolleintreiber und Kollabarateure), den gesellschaftlich Ausgestoßenen (Aussätzige, Kranke, Bettler), den Schwachen der Gesellschaft (Frauen und Kinder) und letztlich mit dem so genannten gemeinen Volk, das gesetzesunkundig ist und eigentlich nicht weiß, wie es geführt wird und worum es geht.
  • Deshalb wagt er sogar, statt der gesetzlichen Bestrafung durch Gott die Vergebung – und zwar ganz umsonst – zu verkünden und persönlich zuzusprechen und damit echte Umkehr und Vergebung zu ermöglichen.

Das ist für einen Christen die wahrhaft gute Botschaft, eine Botschaft der Befreiung, der Hoffnung, der Freiheit, der Liebe und der Freude:

Das wahres Evangelium, eu-angelion, die gute Nachricht!

Überzeugend gelebt von Jesus, der es verkündigt, begleitet durch charismatische Taten, Heilungen und Veränderung von Menschen, die mit ihm zu tun haben.

Aber bis heute bildet dieser Jesus, bei dem sich Theorie und Praxis decken, eine beispiellose Herausforderung an jedem, der sich mit ihm auseinandersetzt.

Diese Erkenntnis ergäbe mancherlei Impulse und Folgerungen z.B.:

Alle Institutionen, alle Vorschriften und Dogmen müssen diesem einen Ziele dienen – dass die große Sache Gottes mit den Menschen wie sie in Jesus offenbar geworden ist, auch in dieser Zeit wieder neu zum Leuchten und zur Wirkung kommt. Und dies durch die erneute Konzentration auf Jesus selbst und seine Botschaft.

Nach dem Maßstab Jesu Christi muß sie den christliche Glauben hochhalten. Aber sie darf nicht vernachlässigen, ihn immer neu zu erforschen und zu überprüfen. Sie müsste bereit sein, auch die großen Irrtümer der Christenheit anzuerkennen und heute offen zu korrigieren.

Sie muß die Bedeutsamkeit, die Relevanz des Evangeliums für den modernen Menschen und die moderne Gesellschaft herausstellen. Aber nie vergessen, dass das Evangelium selbst, dass Jesus selber relevant werden muß.

Die Kirchen allesamt sollten eine christliche Theologie für eine Welt von heute und den Menschen von heute machen. Aber dabei dürfen wir nie vergessen, dass diese Theologie nur dann der Kirche wie der Welt hilft, wenn sie eine wirklich christliche Theologie bleibt; gegründet in der ursprünglichen christlichen Botschaft.

Moral und Sexualität

Nach dem Maßstab Jesu Christi wird die Kirche keine moralische Beliebigkeit unterstützen. Aber sie darf nicht Freiheit und Gewissen erneut durch ein Gesetz ersetzen und eine neue kirchliche Sklaverei aufrichten. Es ist Sünde zu nennen, was Sünde ist. Nämlich die egoistische Selbstsucht, der Egoismus des Menschen der andere schädigt und die Vernachlässigung des soziale Gewissen.

Das sind die Sünden, nicht die Sexualität, die in den letzten Jahren scheinbar DAS zentrale Thema in den Kirchen geworden ist.

Die Kirche vertritt eine von Jesus kommende Ethik, nicht eine Sexuallehre. Heute scheint es jedoch, als wären beispielsweise puritanische Traditionen des 19. Jhd.s der oberste Maßstab. Am Beispiel Jesu, der nie dezitiert von Sexualität und Morallehren gesprochen hat, muss noch viel deutlicher  ein grundlegendes und ehrliches Verständnis der christlichen Kirche den verschiedenen Haltungen gegenüber der Sexualität gerade der jüngeren Generation, die auch in anderen Formen sehr wohl ein reines Herz bewahren kann, angebracht sein.

Deshalb ist es dann auch selbstverständlich, dass die Kirche für die Würde der Frau auch innerhalb der Kirche eintritt. In Gesellschaft UND Kirche also.

Und letztlich engagiert sich die Kirche selber sozial, wo immer das Evangelium Jesu Christi selbst es unzweideutig fordert.

Aber die Kirche darf nie zu einer politischen Partei werden, indem sie sich dort engagiert, wo das Evangelium selber es nicht eindeutig verlangt. Und wir werden uns vergegenwärtigen müssen, dass es immer wieder Menschen gibt, die in Zeiten der Hochspielung politsicher Gegensätze den christlichen Glauben vereinnahmen wollen, ja selbst das KREUZ letztlich zu entehren versuchen indem sie es missbrauchen für politische Agitation.

Als Christen haben wir allen Grund, dankbar zu sein für die epochalen Veränderungen in den verschiedenen Kirchen im 20. Jhd. Als Christen haben wir allen Grund, trotz aller Rück- und Querschläge, trotz allen Versagens jener, die sich Christen nennen, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen:

Die Kirche Jesus Christi wird nicht verschwinden, aber sie wird sich weiterhin drastisch verändern müssen. Sie wird ihre Seele nicht verlieren, aber in einer sich verändernden Welt muss sie sie immer wieder neu finden!

Die Kirche muss sich noch mehr ändern, um gerade dadurch sie selber zu bleiben. Und sie wird bleiben, was sie sein soll, wenn sie bei dem bleibt, der ihr Ursprung ist:

Wenn sie bei allem Fortschreiten und Sichverändern diesem Jesus Christus treu bleibt.

Dann nämlich wird sie eine Kirche sein, die näher bei Gott ist und zugleich näher bei den Menschen.