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Auszüge aus der Ansprache anlässlich des 50. Geburtstages von Dr. Christian Blankenstein 2017

1967 ist das Jahr, in dem Christian Blankenstein in Wien das Licht der Welt erblickte. 7x7+1 Jahr, der Anlaß läßt uns einen Blick auf seine und unsere Welt werfen.

Zwischen 1967 und heute besteht ein großer Unterschied.

1967 waren die Erwartungen der Menschen an die Kirche tatsächlich noch große. Man war einigermaßen aus der Nachkriegszeit heraus, die wirtschaftliche Lage hatte sich konsolidiert und man konnte getrost in die Zukunft blicken. Auch die Kirche schien auf einem positiven Weg der Erneuerung geschickt, das Zweite Vatikanische Konzil, vom guten Papst Johannes XXII. Initiiert, war abgeschlossen, man durfte erwarten, daß auch die Kirche jetzt mutig in die neuen Zeiten schritt.

In der Bundesrepublik Deutschland stellten drei Priester des deutschen alt-katholischen Bistums den Antrag auf Selbstauflösung der Kirche, weil in der römischen Kirche von nun an alle Forderungen der Alt-Katholiken erfüllt wären. Das war schockierend. Das deutsche Bistum folgte dem Ansinnen der Selbstauflösung nicht und tat gut damit.

In der römisch katholischen Kirche herrschte Aufbruchstimmung: Vor vielen Kirchen standen die Baufahrzeuge, Steinmetze verdienten gutes Geld mit der Erstellung von neuen Altären, steinernen und metallenen Tabernakeln, es umgebaut und verändert.

Es dauerte noch bis 1971, daß die neue Liturgie in der römischen Kirche fixiert wurde. Von heut auf morgen nahm man den Menschen ihre religiöse Heimat.

Als Christian zur Welt kam, gab es noch genug Priester, die dem Ganzen irgendwie skeptisch gegenüberstanden. Vor allem die Menschen, auch die in deren Kreis Christian groß wurde, da sind in religiöser Hinsicht neben den Eltern die Großeltern mütterlicherseits zu nennen, hatten ja noch einen bewußten traditionellen religiösen Hintergrund und man durfte davon ausgehen, daß in der Kirche tatsächlich noch geglaubt wurde.

Vielleicht ist es uns Nachgeborenen leichter, Entwicklungen zu beurteilen, als wie wenn man mitten darin steht und die Verantwortung dafür trägt.

Rückblickend mag gerade die Revolution in der Liturgie ein wichtiger Grund für das Desaster der Kirche von heute sein:

Man stelle sich vor, all das was vorher als heilig gegolten hatte, wurd von heut auf morgen ins Belieben gestellt. Die Folge ist ganz klar: Man kann dieser Institution nicht mehr trauen, die mit den religiösen Gefühlen von Menschen so schändlich umgeht.

Es gibt nichts Heiliges mehr, nicht Unantastbares, nichts Sicheres. Das ist sicher die nicht nur gefühlte Realität zu Beginn der Siebziger Jahre.

Wie gesagt, die Nachkriegszeit war vorüber, Kirche lief noch mit im Denken und in der Ausübung von Religion. Die Trends der damaligen Zeit wiesen natürlich schon auf den Sieg des Glaubens an materielle Sicherheit und den rein materiellen Sinn des Lebens hin, das Schlagwort: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir, prägte die Nachkriegsgeneration.

Die Geschwindigkeit des Umbaus von Kirche vom Ort der Anbetung hin zu einer ethisch gutmenschlichen Verbindungsinstitution der Gesellschaft war örtlich verschieden. Nicht überall und nicht gleichzeitig und nicht flächendeckend war diese radikale Umgestaltung, nicht alle ließen sich ihren Glauben nehmen. In der heutigen Kirche sind wirklich kritische Geister, die etwas begriffen haben vom Zentrum der Kirche nicht erwünscht, aber sie sind immer noch da.

Es gibt sogar eine gewisse Renaissance unter jungen Theologen für andere Ansätze im theologischen Denken, sie werden aber sofort von der herrschenden Theologie des Zweiten Vatikanums gebrandmarkt. Ich will auch keinem Neokonservatismus das Wort reden, schließlich bin ich ja altkatholischer Theologe und weiß, daß der Maßstab von Kirche in der ökumenisch anerkannten Kirchlichkeit des ersten Jahrtausends liegt, der eine viel größere Bandweite eraubt und erfaßt, als wie es die enge römische Kirche vor dem Zweiten Konzil geboten hat. Was nichts daran ändert, daß Kirche eben vor der Auslieferung an die Zweckmäßigkeit in Bezug auf Gottesverehrung doch Akzente gesetzt hat.

In Gramatneusiedl, wo Christian heranwuchs, war die Situation durch die gefestigte Persönlichkeit des damaligen Ortspfarrers Georg Grausam (1911-1977) einigermaßen entschärft. Er war fest in seinem Glauben begründet und ließ auch von der Mitte des Glaubens nicht ab, das war für ihn die würdige und angemessene Feier der Hl. Messe, die für ihn Ausgangspunkt und Zentrum seines geistlich Lebens war.

1972, also 5-jährig begann Christian bei ihm mit dem Ministrantendienst, leider verunglückte Pfarrer Grausam am 20. Oktober 1977 tödlich. - Aber auf den jungen Christian wirkte sein Priester und Gottesdienstbild wohl entscheidend. Das waren die Grundgeleise, die damals gelegt wurden und die Christian sein bisheriges Leben lang geleitet haben.

Die Zeit auf dem Humanistischen Gymnasium der Erzdiözese Wien Sachsenbrunn in Kirchberg am Wechsel beginnend 1978 schloß Christian dann mit der Matura 1987 ab.

Die Zeit dort stand natürlich auch im Kampf um die Anpassung an das Zweite Vatikanische Konzil. Zwar übernahm man mehr oder minder die äußeren Formen des neuen Gottesdienstes, aber was das kirchliche Denke anbelangt, so blieb man doch beim Alten. Unterwürfigkeit gegenüber der kirchlichen Obrigkeit, der Traum von einer kirchlichen Karriere , der starre Glaube an die Hierarchie, eine Welt abseits von dieser Welt, ich denke mir, das sind nach wie vor die Schwachstellen römisch-katholischen Kirchentums. Über die Evangelischen brauchen wir an dieser Stelle ja nicht zu reden.

Christian wurde dort weiter geformt. Die Liebe zur Kirche, die in Gramatneusiedl grundgelegt war erfuhr ihre Verfestigung.

In der Folge war Christian dann im Burgenländischen Priesterseminar 1010 Wien, mit Bischof DDr. Stefan Laszlo verband ihn ein freundschaftliches Verhältnis.

Im Herbst 1987 war der Schritt nach Wien erfolgt, Beginn des Theologiestudiums an der Uni Wien. 1990 Abschluß des 1. Studienabschnittes, Beauftragung zum Lektor durch Bischof DDr. Stefan Laszlo.

Es folgten Zwischenstationen bei den Augustinern, dann bei den Anglikanern, das waren neue Erfahrungen.

Die Anglikaner sind für einen suchenden Katholiken interessant, ein Verknüpfung von reformatorischer Theologie und der klassischen Liturgie der westlichen Kirche sind ein faszienierendes Etwas. Auch ihre Kirchenmusik ist durchaus ansprechend.

Für Christian war das die erste Begegnung mit dem Calvinismus, in der ersten Begeisterung hätte er sich sogar einen Weg in sie anglikanische Kirche vorstellen können.

Aus diesem Jahr 1992 rührt unsere seither bestehende freundschaftliche Verbundenheit, mehr als fünfundzwanzig Jahre begleite ich Christian. Manchmal sucht er meinen Rat, manchmal tut er es nicht, aber die Freundschaft hat alle Wechselfälle überstanden.

Ja, Christian fand dann in den „Kleingarten der altkatholischen Kirche“, um ein Bild aus meiner damaligen Primizpredigt für ihn zu zitieren.

Altkatholische Kirche, das war für Christian wie maßgeschneidert, Theologie, Gottesdienst und der Umgang mit einer überschaubaren Zahl von Menschen, der Versuch, die Menschenfreundlichkeit Gottes lebendig zu verkünden, sind uns beiden bis heute wichtig.

Bischof des altkatholischen Bistum war damals der spätere Hofrat Nikolaus Hummel (1924-2006) Bischof Hummel förderte Christian so viel wie er vermochte. Er schickte ihn, um die theologischen Positionen des Altkatholizismus besser zu verstehen und Zugang zu den Quellen altkatholischer Theologie zu eröffnen 1995 nach Bern an die christkatholisch-theologische Fakultät.

Die Studien dort schloß Christian mit den Lizentiat der christkatholischen Theologie ab. Urs von Arx, Herwig Aldenhoven aber auch Anastasios Kallis waren dort seine Lehrer. Und in Wien konnten die ostkirchlichen Studien mit dem Angebot von Professor Suttner vertieft werden.

Die Priesterweihe hatte ihm Bischof Hummel am 2. Juli 1994 in St. Salvator erteilt. Seit November 1995 war er Seelsorger in St. Pölten, 1998 wurde er zum Pfarrer der Kirchengemeinde Krems/St. Pölten gewählt.

Zeitweilig war er Vorsitzender der altkatholischen Geistlichenkonferenz und Archivar der Kirche.

Christian erwarb das Doktorat der altkatholischen Theologie (Warschau) im Jänner 2002. Und im Jahre 2004 gab er mit dem Buch „Altkatholiken in Österreich. Geschichte und Bestandsaufnahme“ das erste und umfassende wissenschaftliche Buch über die Altkatholische Kirche in Österreich heraus.

Rückhalt für seine Tätigkeiten fand er immer in seinem Freundeskreis. Frau Maria war ihm in der St. Pöltener und Wiener Zeit wohl die größte Stütze.

Konfliktfrei ist Christians Weg nie gewesen. Seine eigene Art, theologisch selbständig zu denken, stieß oft auf Unverständnis. Bischof Hummels Nachfolger konnte mit der Betonung des eigenständigen altkatholischen Weges, den Christian immer vertreten hat nicht angemessen umgehen.

Die Arbeit in Krems/St. Pölten war erfolgreich, die Sehnsucht danach, nach Wien zurückzukehren war ebenso groß.

So erfolgte dann ein Pfarrertausch zwischen Wien/St. Salvator und Krems/St. Pölten. Der Pfarrer von St. Salvator, Rober Freihsl ging nach St. Pölten, Christian Blankenstein nach Wien/St.Salvator. Beide Herren wurden dann in die neue Pfarrstelle auch durch die Kirchengemeinden gewählt.

Christian wurde auch in das Leitungsgremium des österreichischen altkatholischen Bistums berufen und wurde geistlicher Synodalrat.

2008 erfolgte dann das Ausscheiden aus dem Dienst der österreichischen altkatholischen Kirche, was allerdings die theologischen Ansichten nicht veränderte. Im Frühjahr 2009 konnte dann die Kleine Kapelle in der Weihburggasse eröffnet werden, die heutige Johanneskapelle.

Dr. Blankenstein vermochte es, eine Schar von Gläubigen zu sammeln, die mit ihm gemeinsam einen alt-kirchlichen Gottesdienst feiern.

Freunde fand er in der serbisch-orthodoxen Kirche.

Unsere Freundschaft brachte ihm das Geschenk des ehemaligen Altars der Villacher Burgkapelle St. Heinrich und St. Kunigunde und wir stifteten das irische Altarkreuz mit den beiden dazugehörigen Leuchtern, auch das Ewiglicht aus der Klagenfurter Altkatholischen St. Markuskirche möge weiterhin für das gemeinsame Bekenntnis des Glaubens leuchten.

Fünfundzwanzig Jahre lebt mit Christian die Vorstellung einer offenen und menschenfreundlichen Kirche. Bei unzähligen Diensten auf dem Friedhof, vielen Hochzeiten, Taufen bei denen er assistiert hat, hat er dies unter Beweis gestellt.

Für ein Privatleben ist in einem so verstandenen priesterlichen Leben wenig Raum. Wenn seine Familie darunter leiden mußte, soll sie jedenfalls wissen, daß er seiner Berufung treu geblieben ist.

Wir können die Welt nicht zum Paradies machen, wir können die Kirche nicht ideal gestalten. Das ist auch nicht unser Auftrag.

In dieser Stadt Wien gehören weniger als 50% der Bewohner noch einer christlichen Kirche an. Das ist erschreckend.

Die verfaßte Kirche, besonders die Mehrheitskirche, hat hier versagt.

Die Menschen suchen in ihr nicht mehr das Heil und sie bietet das Heil auch nur bedingt. Das ist eine harte Meldung, aber Kirche sieht ihr Ziel nicht mehr darin, Menschen zur Anbetung Gottes zu führen.

Andere Befindlichkeiten sind ihr wichtiger: Gemeinschaft um jeden Preis, Anerkennung der kirchlichen Hierarchie, ein mehr oder minder christliches Gesellschaftsverständnis, die Beibehaltung des finanziellen

Status Quo. Christentum wird aus dem Fehlverständnis von Liturgie heraus zu einer möglichen Art des Weltethos.

Daß Menschen vielleicht nach Gott, nach Anbetung und der Anwesenheit des Heilenden in dieser zerrissenen Welt suchen, ist nicht mehr das Zentrum der Mehrheitskirche. Gesetze und Vorschriften, ein ganzes Regelwerk wird vorgeschrieben und nicht mehr die Menschenfreundlichkeit Gottes steht im Zentrum.

Die Kirchen sind überverwaltet, der Mangel an Geistlichen, der als solcher kaum noch empfunden wird, man hat ja genug Laien, die das geistliche Amt quasi übernehmen, läßt den Zugang zur Feier der heiligen Geheimnisse immer schwerer werden. Verbeamtung und Verdinglichung von Religion waren immer die Schwäche der westlichen Kirchen.

Dr. Blankenstein hat über die Jahre vermehrt einen Zugang zu den reichen Schätzen auch der ostkirchlichen Tradition gewonnen.

Ich denke mir, der Weg, mit Menschen, die das Geheimnis suchen, gemeinsam die heiligen Geheimnisse feiern, ist in der agnostisch/atheistischen Umwelt der Großstadt der einzige noch zielführende Weg.

Zu wünschen wäre eine größere ökumenische Einbindung der Johanneskapelle in kanonische Verhältnisse, aber da ist die Zukunft nach wie vor offen.

In dem Sinne dem Jubilar ad multos annos!

E.I. – am 6. Juni 2017