Christsein im 21.Jahrhundert

Johanneskapelle - Missionsgemeinde Hl. Johannes XXIII.: Christsein im 21.Jahrhundert

Kirche ist heute nicht mehr das, was sie einmal war, sie hat sich grundlegend geändert. Das gilt für alle christlichen Konfessionen auch in Österreich. Fakt ist, daß „die Kirche“  nicht wächst, sondern schrumpft, allenfalls kommt es zu geringfügigen Verschiebungen in den Milieus. Die so genannten aktiven Christen sind mittlerweile eine sehr kleine Gruppe in Mitteleuropa geworden.

Kirchliche Milieus, wie sie noch vor 40 Jahren Gesellschaft geprägt haben, gibt es heute kaum noch. Politischer Katholizismus, früher verbunden mit den Volksparteien mag in ländlichen Regionen noch bemerkbar sein, prägend ist er auch dort nicht mehr. Wenn man heute von politischem Katholizismus reden wollte, dann würde man wahrscheinlich eher auf ein linksliberal grünes oder bescheiden sozialdemokratisches Umfeld stoßen. Da hat sich also ein radikaler Wandel vollzogen.

Feststellbar ist das Nachlassen gottesdienstlicher Praxis. Von 50% Mitfeier des Gottesdienstes in der Zeit bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil bei dem katholischen Teil der Bevölkerung ist dieser Satz inzwischenauf unter 10% gesunken. Die Einstellungen zu kirchlichen Feiertagen, kirchlicher Praxis wie Fasten oder Urlaube zu geprägten Zeiten(Weihnachten, Ostern) sind anders geworden. Die Kirchen spielen, vielleicht Gott sei Dank, in der politischen Diskussion keine wichtige Rolle mehr. Ihr normatives Potential ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Die Frage nach der selbstverantworteten Verhütung von Nachwuchs mag dafür ein deutlicher Indikator sein. Für die Identifikation des Menschen als  Einzelwesen oder in der Gesamtheit als Volk hat in Mitteleuropa Kirche kaum noch eine Bedeutung. In Osteuropa und Südosteuropa ist das anders. Ein Kroate ist qua Selbstverständnis katholisch, ein Serbe orthodox.

Das heißt, aus dem Bedeutungsverlust der Kirche für das Einzelwesen und die Gesamtheit können wir nur auf ein neues Selbstverständnis des Menschen schließen. Der Mensch sieht sich zunehmend ohne Gottesbezug. Der Mensch ist autonom geworden, ihn erneut zu erreichen als religiöses Wesen müßte bedeuten, das Gesamt der Selbstdefinition von Mensch und Gesellschaft zu verändern. Das scheint mir wichtig, wenn wir diesen Anspruch auf den Wert von Religion aufgeben, werden wir zu einem mehr oder minder belustigenden Teil der Freizeitgesellschaft. Inwieweit Kirche einen solchen Anspruch noch aufrechterhält, ist fraglich. Kirchen sind eher bereit, den für sie noch vorbehaltenen Platz einer Selbsthilfegruppe für krankhaft religiöse Menschen einzunehmen und diese Menschen dann mit der Gesellschaft zu versöhnen.

Religion ist aber vom Selbstverständnis her mehr, Religion hat an Mensch und Gesellschaft ein ganzheitliches Interesse. Religion bietet Deutung von Wirklichkeit, die dem Menschen eine Freiheit schenkt, die ihn in der Frage nach der Sinngebung seines Lebens nicht den materiellen oder politischen und auch gesellschaftlichen Zwängen unterwirft. Religion bleibt religiös, hat etwas mit Gott zu tun und deutet das Einzelleben und die Geschichte in einem Sinn, der die kontingente Begrenzung und Beschränkung aufhebt.

Geistesgeschichtlich hat diese Deutung von Religion sicherlich mit dem Judentum zu tun, das eine heilsgeschichtliche Sicht der ganzen menschlichen Entwicklung kennt. Für das Christentum bleibt das zentrale Mysterium das des menschgewordenen Wortes in der Mitte der Zeit, -„als die Zeit erfüllt war,“ sagt die Schrift,- als das zentrale Ereignis.

Die Versuche, Christentum zu den anderen Religion kompatibel zu gestalten, sind heute modern; die Versuche, Christentum als die eigentlich positive menschliche Moral darzustellen werden in der Person von Hans Küng sogar durch die Verleihung eines bedeutenden Freimaurerordens gewürdigt und wurden schon Immanuel Kant angeregt.

Hermeneutisch bleiben diese Versuche fragwürdig, weil die Grundtatsache, oder das Grundereignis des Christenums nicht auf dem ethischen oder rationalen Gebiet liegt. Das christliche Grundereignis ist und bleibt jedoch Tod und Auferstehen des menschgewordenen Wortes Gottes.

Für Christen in den Kirchen ist es klar, daß Gott der Herr der Geschichte ist, ist es klar, daß auch der Glaube eines Volkes nicht selbstverständlich ist, sondern letztlich auf dem Willen und der Gnadengabe Gottes beruht. Das ist keine billige Vertröstung und auch keine Aufforderung, alle Anstrengung zur rechtverstandenen Mission bleiben zu lassen. Kirche hat diesen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, die Geheimnisse Christi zu feiern und den Glauben aller Welt kundzutun.

Wie kann das in diesen von Renaissance, Reformation und Aufklärung geprägten Raum geschehen, der die Selbstverwirklichung des Menschen in seiner Gottlosigkeit sieht? Das scheint mir der Kern der Problematik zu sein. Unsere Gesellschaften sehen ihre Zukunft als Gesellschaft in der Gottlosigkeit, im Atheismus,  verschämt vielleicht ausgedrückt in dem Begriff Agnostizismus, -bestenfalls erlauben sie gerade noch religiöse Praxis in einem staatlich geregelten Rahmen. Das ist anders als in der Zeit des Josefinismus, der die christliche Gesellschaft immerhin noch als Grundlage akzeptiert hat.

Was für ein Profil müßten die Kirchen entwickeln, um in dieser Gesellschaft zu überleben, bzw. wie definieren sie ihre gesellschaftliche Rolle und worin müßten die christlichen Kirchen in ihrer Zukunftsvision einig sein? 

Ich will einige Punkte aufzählen:

Kirche bedeutet, daß die Wirklichkeit Christi erfahrbar wird.

Die Wirklichkeit Christi ist die Wirklichkeit des menschgewordenen Gottessohnes. Dieser Christus ist die Mitte der Zeit und führt das Reich Gottes herbei. Durch ihn ist alles geworden, er ist das Prinzip des Lebens. Er ist der Sieger über die vernichtende Macht des Todes, er errettet, die ihm nachfolgen, von der Macht des Verderbers.

Die Wirklichkeit Christi wird erfahrbar in der Gemeinschaft der Glaubenden, wenn sie tut, was Er ihr aufgetragen hat. Das ist ein gottesdienstlicher Anspruch, der religiöse Wirklichkeit schafft, aus der heraus alle Wirklichkeit gestaltet werden kann, wenn wir in dieser religiösen Wirklichkeit bleiben.

Kirche ist Gottesdienst. Die Wirklichkeit Christi durch die dynamische Kraft des heiligen Geistes schafft das Reich Gottes, indem sie uns ein Angeld, einen Vorschuß dieses Reiches in der Erlebbarkeit des Christus in der Feier der großen Danksagung und des endzeitlichen Mahles gewährt.

Kirche ist ein Wesen zwischen den Zeiten: auf der einen Seite lebt sie in dieser vergehenden Welt, auf der anderen Seite sind in ihr die Kräfte des Himmels, der kommenden Welt Gottes spürbar und schmeckbar. Das ist ein Spannungsverhältnis, das jede Kirche in keine Richtung hin auflösen darf, weder in eine Weltflucht noch in die Illusion, diese Wirklichkeit hier in das Reich Gottes umwandeln zu können. Eine solche Umwandlung ist nicht Aufgabe von Kirche; Auftrag an die Kirche ist das Bleiben an Gottes Wort und Sakrament, die Heiligung des Lebens aus der Kraft der Gotteswirklichkeit heraus, die immer wieder genährt wird durch das Hören auf sein unverfälschtes Wort und das Feiern seines endzeitlichen Mahles, der Wirklichkeit Christi letztlich, das alles ist ihr Auftrag und ihre Verpflichtung.

Die altkirchlichen Beschreibungen von den Dimensionen kirchlichen Lebens bleiben unverzichtbar: martyria, diakonia und leitourgia.

  • Martyria, das ist Bekennen, daß wir an Gott glauben, wie Christus es uns offenbart hat, Mission im weitesten Sinn, aber auch Theologie als Nachdenken über die Offenbarung und ihre Implantation in die sich wechselnde Welt und ihren Ausdrucksformen.
  • Diakonia, das ist das Tun, das in der Nachfolge Christi versucht, seine Liebe zu Gott, dem Vater, und den Menschen im eigenen Leben wiederzuentdecken.
  • Liturgia, das ist das Leben aus der Wirklichkeit Christi, die wir im Gottesdienst der Eucharistie erfahren.

Das klingt alles gut. Christliche Kirche wird sich zu dieser Grundlage bekennen müssen. Sie wird sie aber auch realisieren müssen. Sie wird sie realisieren müssen in der Treue zu Gottes Wort und in der Kontinuität ihrer Sendung.

Diese Realisierung ist heutztage akut infrage gestellt. Die ganze Gestalt von Kirche lebt wesentlich von der göttlichen Initiative. Wir sind versucht, es oft besser zu machen, als Gott das getan hat.

Das eschatologische Profil von Kirche bleibt ihr Lebensquell. Wenn Kirche auf die eschatologische Dimension vergißt, verfängt sie sich in alle möglichen Aktionismen und ist es nicht mehr wert, Kirche genannt zu werden. Die Aufgabe eine bessere Welt zu gestalten, kommt wohl mehr politischen Gruppierungen zu.

Kirche muß, wenn sie christliche Kirche bleiben will, ihren religiösen oder kultischen Daseinsgrund akzeptieren. Kirche ist auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Christus verpflichtet. Ohne das kann sie nicht leben. Kirche wird, wenn sie christliche Kirche sein will, akzeptieren, daß Christus Mensch geworden ist und daß der Mensch als Mensch als Mann und Frau geschaffen ist. Das sind anthropologische Grundvoraussetzungen sowohl theologischer Anthropologie als auch der Beschreibung der Naturwissenschaft. In seiner Menschwerdung nimmt der Christus unsere Menschennatur an. Das kann er nur, indem er Mensch in einem Geschlecht wird. Er wird kein Zwitter. Was die Natur des Menschen ist, ist begrifflich natürlich noch zu klären, ihre Polarität ist augenscheinlich.

Die Polarität des Menschen und die Tatsache, daß Christus ein Geschlecht angenommen hat, widerspricht zwar der Menschrechtserklärung, die eine Bevorzugung eines Geschlechtes nicht will; aber die Menschenrechtserklärung und die Antidiskriminierungsgesetze der Europäischen Union werden an der Wirklichkeit des Menschen in Geschlechtsverschiedenheit nichts ändern können. Wichtig ist, daß der Christus, wenn er Mensch in männlicher Gestalt wird, den ganzen Menschen erlösend annimmt, den Menschen, der nach Gottes Bild geschaffen ist als Mann und als Frau.

Kirche lebt in dieser vergehenden Zeit, in Christus und seinem kommenden Reich wird es weder Mann noch Frau geben, sagt der Apostel Paulus. Aber in dieser Zeit müssen wir damit rechnen, daß die Kirchenmitglieder noch nicht geschlechtslos sind. Das heißt auch, die Liturgen sind nicht geschlechtslos. Nicht geschlechtlos zu sein, das heißt auch mit all den erotischen und sexuellen Dingen behaftet zu sein, die zu unserer Menschennatur dazugehören. Das ist auch gut so, denn wir sind ja keine englischen Wesen. Die Engel haben ja bekanntlich kein Geschlecht.

Wenn zwischen Menschen in ihrer Beziehung zueinander das Geschlecht eine bedeutende Rolle spielt, dann spielt es diese Rolle auch in der Kirche und in ihrem Gottesdienst.

Die Feier der Danksagung, die Eucharistie, die Feier des Heiligen Abendmahls, die Messe, die göttliche Liturgie, die Menschenweihehandlung oder wie auch immer diese Zentralhandlung des Christentums genannt wird, ist für uns Menschen bestimmt. Wir sollen Anteil bekommen an der göttlichen Wirklichkeit.

Wir stellen das Geheimnis der Erlösung sakramental dar. Das können wir nur als die Menschen, die wir sind. Das können wir demnach nur nur als geschlechtliche Wesen und nicht unter Absehung unserer Geschlechtlichkeit. Die Darstellung der Erlösung auf sakramentaler Ebene braucht Menschen, die diese Darstellung in ihrer Leibhaftigkeit abbilden.

Damit kommt um unseretwillen Christus in den Blick, den Christus darzustellen ist nicht nur leichter, so würde Thomas von Aquin argumentieren, für den Mann möglich, sondern von der Religiösität her auch nicht anders machbar. Bei dieser Fragestellung werden wir nicht umhinkönnen, die Frage nach Mann und Frau in ihrer jeweils spezifischen Religiösität zu stellen. Es ist ein weites Feld für die Psychologen.

Es geht dabei um Beziehung, es geht um Archetypen, es geht um Typologie. Mensch ist Mann oder Frau, was das bedeutet, Mann oder Frau in religiöser Hinsicht zu sein, ist eigentlich nur von der Typologie Adam-Eva her möglich zu beschreiben.

Es geht also um eine positive Wertung unserer Geschlechtlichkeit und Sexualität. Der Unterschied zwischen Mann und Frau wird hier religiös akzeptiert und in seinem Aufeinander-Bezogensein dargestellt.

Das ist wichtig. Kirche hat in ihrem Versuch, Sexualität naturrechtlich zu definieren, die religiöse Deutung von Sexualität unterschlagen. In dieser Zentralhandlung der Feier des Heiligen Abendmahls wird aber der Unterschiedlichkeit des Menschengeschlechtes Rechnung getragen. Das ist argumentativ ausbaufähig.

Die Kritik von Seiten der Frauenrechtler kann keine religiös fundierte Kritik sein. Sie kommt aus einem anderen Hintergrund, der Hintergrund ist die Forderung der Französischen Revolution nach Gleichheit auch der Geschlechter in vor allem rechtlicher Hinsicht. Dieser Hintergrund trifft eine religiös motivierte Unterscheidung der Geschlechter und ihrer Rolle im Gottesdienst nicht, bleibt eine fremde Argumentation und berührt die religiöse Wirklichkeit überhaupt nicht. In Zukunft werden die Kirchen sicher ankämpfen müssen gegen eine staatliche Beschneidung des Rechtes auf Religionsausübung. Religion widerspricht dem derzeitigen Verständnis von Staat und Gesellschaft, wie sie sich ansatzweise schon im Vertrag von Lissabon abzeichnet.

Will man rechtlich argumentieren, so können nur die rechtlichen Aspekte von Kirche berührt werden, da ist natürlich für die Gleichberechtigung Sorge zu tragen. „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ“, wird dem hl. Augustinus in den Mund gelegt. Auf der Ebene der Erlösung sind alle Christen gleichberechtigt, auf der liturgischen Ebene der sakramentalen Darstellung wird dem Geschlechtsunterschied Rechnung getragen. Das ist nicht verwerflich und gründet in der Akzeptanz unserer Geschlechtlichkeit durch die Menschwerdung des Erlösers.

Kirche tut sich im allgemeinen mit Sexualität schwer. Die Geschlechtlichkeit des Menschen sollte von der Eschatologie her betrachtet werden: was taugt an ihr für das Reich Gottes. Mit einer solchen Fragestellung verliert manches an Brisanz. Eine solche Betrachtungsweise hat zur Folge, daß die Vorschriften des Alten Testamentes im Licht des Neuen Bundes interpretiert werden müssen. So gedacht gilt keine naturrechtliche Begründung mehr für die Bewertung von Sexualität, sondern nur noch eine eucharistische. Christus und Kirche, Mann und Frau, Bruderschaft in Christus, all das bekommt dann eine neue Dimension. Das Eigentümliche des Christentums ist es, diese Welt im Licht des Kommenden zu sehen, das heißt im Licht des wiederkommenden Christus und des Gottesreiches, das er heraufführt.

Im Rheinischen Merkur vom 15.10.2009 (Internetausgabe) wird Doris Lucke, Professorin für Soziologie an der Universität Bonn, interviewt. Sie soll kurz beschreiben, was „gender mainstreaming“ ist. Ihre Antwort:

Ziel von Gender Mainstreaming ist eine geschlechtergerechte Gesellschaft mit gleichen gesellschaftlichen Strukturen, Start- und Rahmenbedingungen. Frauen und Männer sollen ein selbstbestimmtes Leben entsprechend ihrer persönlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche führen können.

Erst wenn das Geschlecht keine Rolle mehr spielt und eine Unterscheidung ist, die keinen Unterschied macht, ist Gleichheit zwischen den Geschlechtern erreicht. Das Fernziel ist, daß sich die Kategorie Geschlecht auflöst.

So sieht es zum Beispiel auch die Feministin Judith Butler. Sie nimmt, was ihr häufig vorgeworfen wird, der Frauenbewegung das politische Subjekt, wenn sie sagt, Frau und Mann an sich existierten nicht. Ihr Ansatz ist deshalb nicht unumstritten. Ich halte ihn für intellektuell anspruchsvoll. Es ist reizvoll, sich damit auf einer theoretischen Ebene wissenschaftlich auseinanderzusetzen.

Ich bin Katholikin. Mich wundert es nicht, daß die Kirchen skeptisch gegenüber Gender sind. Wieso sollte ausgerechnet die Kirche sich als ein Subsystem der Gesellschaft heraushalten, wenn diese Strömung überall greift, im Recht, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Politik. Die Kirche ist dagegen nicht immun. Im Gottesdienst ministrieren Mädchen, Frauen teilen die Kommunion aus, und in der Predigt gibt es eine sensiblere Sprache als früher. In der Kirche läuft Gleichstellung, wenn ich das richtig beobachte, nicht von oben nach unten, sondern umgekehrt, und mehr praktisch als institutionalisiert.

„Gender mainstreaming“, das ist der Versuch, die soziale Geschlechterrolle von Mann und Frau von allen biologisch-leiblichen Gegebenheiten abzukoppeln. Die soziale Geschlechterrolle von Mann und Frau sei lediglich erlernt und durch Erziehung frei veränderbar. Jeder, der mit seinem Geschlecht dauerhaft unzufrieden sei, könne ein anderes „gender“ wählen, ohne sich vorher einer Operation zum „Geschlechtswandel“ unterziehen zu müssen.

Sexualität und Geschlecht werden in dieser Sichtweise getrennt und die einzige Gefahr liegt darin, was in der Offenbarung über Mann und Frau gesagt ist, dem „gender“ zuzuordnen und damit die Geschlechtszugehörigkleit letztlich zu ignorieren.

Ein androgyn-strukturiertes kirchliches Amt in dieser spezifischen Typologie kann es nicht geben, weil die Heilige Schrift und das Zeichensystem unserer bisherigen kirchlichen Kultur realistisch ist. Ein androgynes Amt ist zeugungunfähig und würde die Abstrahierung von aller vorhandenen Realität verlangen. Das philosophische oder psychologische Denken, das dem zugrunde liegt, scheint mir eine Leugnung des ersten Glaubensarikels an den Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge zu bedeuten. Man müßte tatsächlich fragen, welcher Mythos dem zugrunde liegt, denn es geht um Klärung des Verhältnisses von Materie und Geist. Will ich die Materie mit ihrer ihr innewohnenden Struktur einem bösen Gott zuordnen, dann ist die Aufgabe des Menschen tatsächlich die Transformation der Materie in eine vom guten Gott ausgehende geistige Sichtweise. Ob dieser gnostische Mythos mit dem Christentum kompatibel ist, wage ich zu bezweifeln. Wir vertreten eher ein ganzheitliches Modell, das von der Erlösungsfähigkeit und -würdigkeit des Materiellen ausgeht.

Frauenordination bedeutet in jedem Fall, ein anderes hermeneutisches Prinzip anzunehmen, als wie es der traditionelle christliche Glauben anbietet. Mit der Einführung einer Frauenordination wird das für den Gottesdienst wichtige Zeichensystem verändert. Gottesdienst ist das zentrale Geschehen von Kirche. Und sein Zeichensystem ist sehr komplex .

Traditionellerweise ist für Katholiken und Orthodoxe ein Symbol im sakramentalen Sinn ein Realsymbol, das Bezug zur Realität ausdrückt. Priestertum bedeutet in diesem System die reale Anwesenheit des Christus im Dasein, im Tun und Künden des die eschatolgische Wirklichkeit auf der sakramentalen Ebene Darstellenden. In einem von diesem real-sakramentalen Verständnis absehenden neuen Verständnis repräsentiert der Amtsträger den Christus nur in seiner Funktion als Lehrer, wenn er ihn überhaupt noch repräsentieren will, oder er beschränkt sich auf eine Repräsentanz der Gemeinde, als deren Moderator oder Gesprächsleiter er sich dann versteht. Ein solcher Moderator oder ein solcher Lehrer kann natürlich geschlechtsneutral sein, denn es geht ja um die Sache Jesu, um seine Botschaft, seine die Welt veredelnde Predigt, um Motivation und Anstoß zum besseren Leben.

Die westliche Welt steht ganz in der Tradition von Immanuel Kant und billigt der Religion nur noch einen sehr kleinen gesellschaftlichen Raum zu. In diesem Raum muß Religion sich als nützlich für das Menschengeschlecht erweisen, damit Religion noch eine Daseinsberechtigung behält.

Hier lohnt es sich, etwas über die Problematik des kirchlichen Amtes nachzudenken. Das kirchliche Amt ist für das Funktionieren von Kirche nicht ganz unwichtig.

Das möchte ich noch erläutern. Kirche und geistliches Amt gehören zusammen. Das kann man nicht trennen. Kirche hat eine Struktur. In „Baptism, Eucharist and Ministry“ (Taufe, Eucharistie und Amt), dem Schlußdokument der Limakonferenz der Kommission „Faith and Order“ (Glaube und Kirchenverfassung) des Weltkirchenrates liest man:

Um ihre Sendung zu erfüllen, braucht die Kirche Personen, die öffentlich und ständig dafür verantwortlich sind, auf ihre(der Kirche und der Amtsträger) fundamentale Abhängigkeit von Jesus Christus hinzuweisen, und die dadurch innerhalb der vielfältigen Gaben einen Bezugspunkt ihrer Einheit darstellen. Das Amt solcher Personen, die seit sehr früher Zeit ordiniert wurden, ist konstitutiv für das Leben und Zeugnis der Kirche.

Alle Glieder der Gemeinschaft der Glaubenden, Ordinierte wie Laien, sind aufeinander bezogen. Einerseits bedarf die Gemeinde der ordinierten Amtsträger. Deren Präsenz erinnert die Gemeinschaft an die göttliche Initiative und an die Abhängigkeit der Kirche von Jesus Christus, der die Quelle ihrer Sendung und die Grundlage ihrer Einheit ist. Sie dienen, um die Gemeinschaft in Christus aufzuerbauen und ihr Zeugnis zu stärken.(BEM)

Das kirchliche Amt hat einen „Außenamtscharakter“. Kirche ist als Institution nicht faßbar ohne ihre Strukturen. Der Einzelne ist nicht Kirche, die Gemeinschaft der Kirche braucht ein Ausdrucksmittel. Das ist von jeher das kirchliche Amt gewesen. Das beginnt schon in der Apostelgeschichte.

So formuliert, um nur ein relativ junges Beispiel zu nennen die Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre, 2006:

Die Katholizität der Kirche bringt die Fülle, Integrität und Ganzheit ihres Lebens in Christus durch den Heiligen Geist zu allen Zeiten und an allen Orten zum Ausdruck. Jede Gemeinde getaufter Christen, in der der apostolische Glaube bekannt und gelebt wird, in der das Evangelium gepredigt wird und die Sakramente gefeiert werden, ist Ausdruck dieses Geheimnisses. Jede Kirche ist als Kirche katholisch und nicht einfach ein Teil davon. Jede Kirche ist katholische Kirche, aber nicht deren Ganzheit. Jede Kirche vollzieht ihre Katholizität, indem sie in Gemeinschaft mit den anderen Kirchen steht. Wir erklären, daß die Katholizität der Kirche ihren sichtbarsten Ausdruck im gemeinsamen Abendmahl und in einem gegenseitig anerkannten Amt findet.

Taufe, Eucharistie und Amt gehören zusammen. Wenn das Amt der Kirche ökumenisch anerkannt ist, dann besteht Gemeinschaft zwischen den Ortskirchen. Die Weihe eines neuen Bischofs geschieht ursprünglich immer durch Bischöfe der Nachbarkirchen.

Durch die Einführung der Frauenordination ist diese ökumenische Dimension des Amtes nicht mehr gegeben.

Perspektiven

Wie wird Kirche 2038 aussehen? Für die Zukunft wird es zwei Kirchentypen geben, eine, die auf einem katholischen Zeichensystem beruht und eine, deren hermeneutisches Prinzip nominalistisch ist. Zwischen Kirchen, die Frauen ordinieren, und Kirchen, die das nicht tun, wird es auf die Dauer keine kirchliche Gemeinschaft geben können. Noch gibt es Mischformen, die vielleicht dazu gut sind, auf diese offene Wunde der Zukunft hinzuweisen.

Bischof Hans Gerny schreibt in einem Artikel für den Materialdienst der Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim:

Wie geht es weiter?

Aus alledem wird ersichtlich, daß sich die ursprüngliche ökumenische Grundhaltung … verändert hat. Die Vorstellung Döllingers, wonach der Glaube der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends als Grundlage und Basis der ökumenischen Beziehungen zu gelten habe, verliert zunehmend an Bedeutung. …

Sicher ist aber, daß bei den Gläubigen aller Kirchen des Westens das Verständnis für theologische Diskussion und theologische Differenzierung abnimmt. Das wird für die weitere Entwicklung wohl Auswirkungen haben.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.